Nicht jeder Text verlangt dasselbe
Es gibt Texte, bei denen man nur eine bestimmte Information sucht. Andere möchte man gründlich verstehen oder gerade wegen ihrer Sprache lesen. Diese Unterschiede gehen schnell verloren, wenn Lesegeschwindigkeit zur allgemeinen Leistungszahl wird.
Tony Buzan beschäftigt sich mit Techniken und Übungen, die das Lesen effizienter machen sollen. Der Untertitel verbindet schnelleres Lesen mit besserem Verstehen und Behalten. Genau diese Verbindung ist der interessante, aber auch der anspruchsvolle Teil des Versprechens. Mehr Wörter in kürzerer Zeit zu sehen, bedeutet noch nicht, ihren Zusammenhang wirklich erfasst zu haben.
Womit eine bewusste Lesestrategie helfen kann
Sinnvoll ist zunächst, vor dem Lesen zu klären, was man eigentlich braucht. Bei einem Fachtext kann ein erster Blick auf Aufbau und Überschriften Orientierung geben. Wenn die gesuchte Antwort nur in einem bestimmten Abschnitt steckt, muss nicht jede Seite mit derselben Gründlichkeit bearbeitet werden.
Das ist allerdings etwas anderes, als den gesamten Inhalt vollständig und gleichzeitig um ein Vielfaches schneller zu verstehen. Ein Überblick darf Lücken haben, solange man weiß, dass es Lücken sind. Problematisch wird es, wenn das Gefühl von Vertrautheit mit tatsächlichem Verständnis verwechselt wird.
Eine einfache Probe wäre, den Gedankengang anschließend mit eigenen Worten zu erklären. Kann man nur Schlagwörter wiederholen, fehlt möglicherweise die Verbindung dazwischen. Gerade bei anspruchsvollen Texten zeigt sich der Unterschied oft erst dann, wenn man eine Aussage begründen oder auf ein anderes Beispiel übertragen soll.
Die Grenze des Tempos
Die Forschung zum Schnelllesen ist bei sehr weitreichenden Versprechen zurückhaltend. Die Übersicht von Keith Rayner und Kollegen beschreibt einen Zielkonflikt zwischen Geschwindigkeit und Verständnis. Eine massive Steigerung des Tempos bei gleichbleibend gründlichem Verstehen ist demnach nicht ohne Weiteres zu erwarten.
Das passt auch zur Unterscheidung zwischen Überfliegen und Lesen. Wer einen bekannten Sachverhalt wiedererkennt, kommt leichter voran als bei einem unbekannten Begriff oder einer dichten Argumentation. Vorwissen und Sprachverständnis helfen; reine Geschwindigkeit macht schwierige Gedanken nicht automatisch einfacher.
Bei Nietzsche war mir genau dieser Unterschied wichtig. Manche Absätze musste ich noch einmal lesen und eine Weile darüber nachdenken, gelegentlich schon einen einzelnen Satz. Das war kein unnötiger Umweg, den man möglichst wegtrainieren müsste. Die Beschäftigung mit dem Gedanken war ein wesentlicher Teil der Lektüre.
Effizienter lesen, ohne sich selbst zu überholen
Buzans Ansatz würde ich deshalb mit einem klaren Maßstab lesen: Hilft eine Technik dabei, den jeweiligen Text besser zu bearbeiten, oder sorgt sie hauptsächlich dafür, dass schneller umgeblättert wird? Die Antwort kann je nach Text unterschiedlich ausfallen.
Bei einer großen Menge beruflicher Informationen ist gezieltes Sichten durchaus nützlich. Man muss nicht alles ausführlich lesen, nur weil es vor einem liegt. Bei einer wichtigen Vertragsstelle, einem fachlichen Zusammenhang oder einer philosophischen Überlegung wäre dieselbe Eile dagegen fehl am Platz.
Auch Konzentration spielt eine Rolle. Ein ruhiger Leseabschnitt kann mehr bringen als eine ambitionierte Geschwindigkeitsvorgabe, wenn man ansonsten ständig unterbrochen wird. Das ist weniger spektakulär, richtet den Blick aber auf die Qualität der Beschäftigung.
Interessant bleibt somit die bewusste Steuerung des Lesens. Welche Teile brauchen Aufmerksamkeit? Wo genügt ein Überblick? Wo sollte man langsamer werden? Wenn die Lektüre zu solchen Unterscheidungen anregt, ist das hilfreicher als der Versuch, jedes Buch in derselben sportlichen Bestzeit zu erledigen.
Fazit
Als Anlass, die eigene Lesestrategie zu überprüfen, interessant. Die großen Geschwindigkeitsversprechen würde ich allerdings nicht unkritisch übernehmen. Für mich entscheidet am Ende, was verstanden wurde und was sich daraus erklären lässt. Manchmal ist schnelleres Sichten sinnvoll; manchmal war gerade das langsame, wiederholte Lesen der wertvollste Teil.
Wenn du es gerne selbst lesen möchtest, findest du es hier.
Quellen zur Einordnung
mvg Verlag · Buzan: Leseprobe · Rayner und Kollegen: Forschungsübersicht zum Schnelllesen