Kein allgemeines Buch über die Zukunft der Wirtschaft
Der Titel lässt zunächst viel erwarten: neue Märkte, veränderte Arbeit oder die Rolle des Internets. Tatsächlich argumentieren die Autoren vor allem für Network-Marketing als unternehmerischen Weg. Es geht um ein Vertriebsmodell, bei dem neben dem eigenen Verkauf auch der Aufbau eines Netzwerks weiterer Vertriebspartner eine Rolle spielt.
Kiyosakis bekannte Kritik an der alleinigen Abhängigkeit vom Gehalt bildet dafür den Rahmen. Die Autoren stellen Lernen, persönliche Entwicklung und Zusammenarbeit als mögliche Vorteile heraus. Diese Gedanken sind von der wirtschaftlichen Bewertung des konkreten Modells zu trennen. Ein Umfeld kann motivierend sein, ohne dass die Tätigkeit für seine Teilnehmer finanziell trägt.
Woher kommt das Geld?
Für mich beginnt die entscheidende Prüfung nicht bei der Begeisterung, sondern bei der Nachfrage. Würden Kunden das Produkt auch dann kaufen, wenn damit keine Verdienstmöglichkeit verbunden wäre? Welche Kosten entstehen den Vertriebspartnern? Und wie viel bleibt nach diesen Kosten tatsächlich übrig?
Ein Geschäftsmodell lässt sich nicht allein an einzelnen erfolgreichen Personen beurteilen. Wenn wenige sehr hohe Einnahmen erzielen, sagt das wenig über die gewöhnliche Erfahrung der übrigen Teilnehmer. Ebenso kann eine Umsatzangabe beeindrucken, obwohl Ausgaben für Produkte, Veranstaltungen oder andere Leistungen noch gar nicht berücksichtigt sind.
Gerade bei einem Modell, das über persönliche Kontakte wächst, ist außerdem die Beziehungsebene wichtig. Ein Freundeskreis ist nicht einfach eine frei verfügbare Kundenliste. Wenn jede Begegnung als mögliche Geschäftsanbahnung betrachtet wird, können Erwartungen entstehen, die mit einer gewöhnlichen Freundschaft wenig zu tun haben.
Die Erfolgserzählung überprüfen
Die amerikanische Verbraucherschutzbehörde FTC hat Einkommensdarstellungen von 70 MLM-Unternehmen untersucht. Ihr Bericht beschreibt unter anderem, dass niedrige oder fehlende Einnahmen sowie die Ausgaben der Teilnehmer häufig unzureichend berücksichtigt wurden. Diese Untersuchung betrifft die geprüften Darstellungen und ist kein Urteil über jedes einzelne Unternehmen weltweit.
Sie zeigt aber, warum eine kritische Prüfung notwendig ist. Eine überzeugende Präsentation und einige sichtbare Gewinner reichen nicht aus, um die wirtschaftlichen Aussichten für einen Neueinsteiger zu beurteilen. Dafür braucht es nachvollziehbare Zahlen, einschließlich der Menschen, die wenig oder gar nichts verdienen.
Mit diesem Hintergrund würde ich die Argumentation der Autoren deutlich vorsichtiger lesen als eine allgemeine Aufforderung, selbstständiger zu denken. Der Schritt von „eigene Möglichkeiten entwickeln“ zu „dieses Vertriebsmodell ist der passende Weg“ ist groß. Er muss wirtschaftlich begründet werden, nicht nur emotional.
Was als Gedanke trotzdem interessant bleibt
Die Beschäftigung mit Vertrieb, Kommunikation und wirtschaftlicher Eigenverantwortung kann sinnvoll sein. Auch die Frage, wie ein Unternehmen Wissen weitergibt und neue Menschen einarbeitet, ist berechtigt. Daraus folgt aber nicht, dass diese Erfahrungen nur in einem bestimmten Vertriebsmodell möglich wären.
Man kann solche Fähigkeiten ebenso in einer klassischen Selbstständigkeit, einer verantwortlichen Anstellung oder einem anderen unternehmerischen Projekt entwickeln. Die Gegenüberstellung zwischen angeblich unsicherer Anstellung und befreiendem Network-Marketing greift deshalb zu kurz.
Als Lektüre ist der Band für mich vor allem interessant, wenn man verstehen möchte, wie für diese Art von Geschäft argumentiert wird. Er sollte nicht als neutrale Marktübersicht gelesen werden. Die klare Befürwortung gehört zum Text und muss bei seiner Einordnung sichtbar bleiben, gerade wenn finanzielle Freiheit als besonders greifbares Ergebnis erscheint.
Fazit
Ein deutliches Plädoyer für Network-Marketing, keine ausgewogene Darstellung aller Möglichkeiten der Selbstständigkeit. Einzelne Gedanken zu Lernen und Eigenverantwortung sind nachvollziehbar. Die wirtschaftlichen Versprechen würde ich davon streng trennen. Entscheidend sind reale Kundennachfrage und belastbare Einnahmen nach Kosten – nicht die stärkste Erfolgsgeschichte auf der Bühne.
Wenn du es gerne selbst lesen möchtest, findest du es hier.