Was schon vor den ersten Münzen gebraucht wurde
Wenn nach dem Ursprung des Geldes gefragt wird, beginnt die Antwort häufig bei Muscheln, Metallstücken oder den ersten geprägten Münzen. Damit wird ein sichtbarer Gegenstand zum Anfang erklärt, obwohl das entscheidende Problem viel früher entstand. Menschen mussten festhalten, wer etwas geleistet, geliefert oder erhalten hatte, welcher Anspruch daraus folgte und womit dieser Anspruch später als erfüllt gelten sollte. Erst wenn eine Gemeinschaft dafür gemeinsame Regeln besitzt, kann aus einer persönlichen Verpflichtung etwas entstehen, das wie Geld funktioniert.
Dabei müssen mehrere Dinge auseinandergehalten werden, die heute fast untrennbar wirken. Eine Recheneinheit macht unterschiedliche Güter und Leistungen vergleichbar. Ein Zahlungsversprechen hält fest, dass jemand einem anderen etwas schuldet. Ein Zahlungsmittel kann übergeben werden, um diese Schuld zu erfüllen. Ein Wertaufbewahrungsmittel verschiebt Kaufkraft in die Zukunft. Der Euro erfüllt heute alle diese Aufgaben weitgehend gemeinsam, in frühen Gesellschaften konnten dafür jedoch verschiedene Güter, Maße und Aufzeichnungen dienen. Genau deshalb gibt es keinen einzelnen Fund, von dem aus man sagen könnte: Hier wurde Geld erfunden.
Auch das Wort Zahlung führt leicht in die Irre, weil es an einen Kauf an der Ladenkasse denken lässt. Im weiteren Sinn ist eine Zahlung die Erfüllung einer Verpflichtung. Diese konnte aus einem Handel entstehen, ebenso aus einer Abgabe, einem Lohn, einer Pacht, einer Strafe, einem Brautpreis oder einer Schuld. Solche Verpflichtungen sind ein wichtiger Zugang zur Geschichte des Geldes. Ihre Aufzeichnung machte Ansprüche auch dann nachvollziehbar, wenn sich die Beteiligten nicht auf persönliche Erinnerung und unmittelbar erwiderte Leistungen verlassen konnten.
Wie Zusammenleben ohne allgemeines Zahlungsmittel möglich war
In einer kleinen Gemeinschaft muss nicht jede Leistung sofort gegen eine genau gleichwertige Gegenleistung getauscht werden. Eltern zählen nicht jede Mahlzeit ihrer Kinder, Nachbarn können sich bei der Ernte helfen, und innerhalb einer Sippe lässt sich über längere Zeit merken, wer zuverlässig beiträgt und wer Unterstützung erhalten hat. Die Gegenleistung bleibt dabei häufig offen: Wer heute hilft, erwartet vielleicht irgendwann Hilfe zurück, ohne Menge und Zeitpunkt vorher festzulegen. Vertrauen, Ansehen und Zugehörigkeit übernehmen einen Teil der Ordnung, für die später Verträge und Konten gebraucht werden.
Neben dieser Gegenseitigkeit gab es Geschenke, gemeinsame Vorräte, religiöse Opfer, Abgaben an Herrscher, Beute, Entschädigungen und direkte Tauschgeschäfte. Diese Formen schließen sich nicht aus. Ein Bauer konnte innerhalb seines Dorfes in dauerhaften Beziehungen leben, an eine zentrale Stelle Getreide abgeben und mit einem fremden Händler Vieh gegen Metall tauschen. Die Vorstellung einer einzigen Wirtschaftsform vor dem Geld passt daher schlecht zu dem, was Archäologie und Ethnologie zeigen.
Das System hatte jedoch Grenzen. Je größer eine Gemeinschaft wurde, je stärker sich Arbeit teilte und je weiter Lieferungen voneinander entfernt lagen, desto schwieriger war es, Verpflichtungen nur im Gedächtnis zu behalten. Persönliches Vertrauen reichte nicht mehr aus, sobald Getreide von vielen Bauern eingelagert, an viele Arbeiter verteilt, über Monate verwahrt und später mit anderen Gütern verrechnet werden sollte. Geld entstand aus dieser Sicht nicht deshalb, weil Menschen plötzlich Handel entdeckten, sondern weil Beziehungen, Vorräte und Ansprüche berechenbar, überprüfbar und übertragbar werden mussten.
Warum die alte Geschichte vom reinen Tauschhandel nicht trägt
Die klassische Erzählung klingt zunächst überzeugend: Einer hat Getreide und braucht Schuhe, ein anderer stellt Schuhe her, möchte aber kein Getreide, weshalb beide ein allgemein begehrtes Gut als Zwischenschritt verwenden. Ökonomen nennen das Problem die fehlende doppelte Übereinstimmung der Wünsche. Ein allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel löst dieses Problem tatsächlich, denn der Getreidebauer kann seine Ware an einen Dritten verkaufen und den Schuster später bezahlen. Als Erklärung für den Nutzen von Geld ist das anschaulich, als belegte Entstehungsgeschichte reicht es nicht.
Die Anthropologin Caroline Humphrey untersuchte Gesellschaften und historische Situationen, in denen Tausch eine wichtige Rolle spielte. Ihr Befund war, dass keine reine Tauschwirtschaft beschrieben worden war, aus der anschließend Geld hervorging. Tausch findet statt, doch häufig zwischen Gruppen, die keine dauerhafte Vertrauensbeziehung besitzen, oder in bereits bekannten Geldordnungen, wenn Bargeld fehlt oder eine Währung zusammenbricht. Dann wissen die Beteiligten oft weiterhin, was die Waren ungefähr in Geld wert wären, obwohl sie ohne Geld abrechnen. [1]
Dieser Befund beweist nicht, dass in vorgeschichtlicher Zeit niemals getauscht wurde. Für die ältesten Epochen fehlen schriftliche Zeugnisse, und aus später beobachteten Gesellschaften darf nicht ohne Weiteres auf jede frühere Gemeinschaft geschlossen werden. Er nimmt der einfachen Tauschgeschichte jedoch ihren Anspruch, der echte und allgemeine Ursprung des Geldes zu sein. Wahrscheinlicher ist ein Nebeneinander: persönliche Schulden im Inneren einer Gemeinschaft, direkte Tauschgeschäfte an ihren Rändern und zunehmend formale Abrechnungen dort, wo große Vorräte und viele Leistungen verwaltet wurden.
Der entscheidende Schritt war das Festhalten einer Verpflichtung
Im Vorderen Orient wurden bereits Jahrtausende vor den ersten Münzen kleine Tonmarken verwendet, um Mengen bestimmter Güter darzustellen. Nach der einflussreichen Rekonstruktion der Archäologin Denise Schmandt-Besserat standen unterschiedliche Formen etwa für Maße von Getreide, Öl oder andere Waren. Mit wachsenden Siedlungen nahm die Zahl der Zeichen zu. Tonmarken wurden in Hüllen eingeschlossen, auf deren Außenseite ihre Form und Anzahl eingedrückt werden konnten; daraus entwickelten sich um 3200 v. Chr. Tontafeln mit Zeichen für Güter und Mengen. Die frühe Schrift entstand demnach aus Zählen und Buchführung. [2]
Eine solche Marke war noch kein Geldstück, denn man konnte mit ihr nicht automatisch überall einkaufen. Trotzdem enthält sie einen entscheidenden Teil des späteren Geldes: Eine reale Sache wird durch ein Zeichen vertreten. Wer die Bedeutung des Zeichens kennt und der Aufzeichnung vertraut, muss den Sack Getreide nicht ständig vorzeigen, um über ihn zu sprechen. Mengen können addiert, auf verschiedene Empfänger verteilt oder als noch ausstehend festgehalten werden. Aus einer flüchtigen Erinnerung wird ein überprüfbarer Datensatz.
Frühe Tafeln dokumentieren Eingänge, Ausgaben, Rationen und Bestände. Eine späturukzeitliche Tafel im Metropolitan Museum erfasst wahrscheinlich Lieferungen und Verteilungen von Gerste und Emmer; eine wesentlich spätere sumerische Tafel der Library of Congress gleicht eingegangene Gerste mit mehreren Ausgaben ab. Solche Funde zeigen keine moderne Bank, wohl aber dieselbe Grundfrage, die jeder Buchhaltung zugrunde liegt: Was kam herein, was ging hinaus, und welcher Rest bleibt offen? [3] [4]

Aus dem Zählen von Dingen wurde eine gemeinsame Sprache für Wert
Eine Liste von hundert Säcken Getreide sagt noch nichts darüber aus, wie viele Arbeitstage, Schafe oder Liter Öl ihnen entsprechen. Dafür braucht es Vergleichsregeln. In Mesopotamien wurden Gerste und Silber zu wichtigen Bezugsgrößen, in denen sich sehr verschiedene Güter und Leistungen ausdrücken ließen. Ein Schekel war zunächst ein Gewichtsmaß. Wenn ein Gegenstand mit einem Schekel Silber bewertet wurde, musste deshalb weder eine Münze existieren noch bei jedem Geschäft genau dieses Silber den Besitzer wechseln.
Aus Verwaltungsaufzeichnungen der Ur-III-Zeit um 2100 bis 2000 v. Chr. lassen sich zahlreiche Gleichsetzungen rekonstruieren. Der Assyriologe Robert K. Englund beschreibt unter anderem Beziehungen zwischen Silber, Gerste, Öl, Wolle, Fisch und Arbeitsleistungen. Ein Schekel Silber entsprach in einer häufig verwendeten Norm ungefähr 300 Litern Gerste, wobei tatsächliche Werte schwanken konnten. Solche Umrechnungen machten Produkte vergleichbar und erlaubten es einer Verwaltung, Eingänge und Ausgaben in einem gemeinsamen Maß zusammenzuführen. [5]
Gerade hier wird der Unterschied zwischen Recheneinheit und Zahlungsmittel sichtbar. Der Preis eines Grundstücks konnte in Silber angegeben sein, während die Erfüllung teilweise in Getreide, Vieh oder anderen Gütern erfolgte. Der Altorientalist A. Leo Oppenheim wies für altbabylonische Rechtsdokumente darauf hin, dass Preise regelmäßig nach Silber bemessen wurden, obwohl Silber bei vielen Geschäften vermutlich gar nicht tatsächlich übergeben wurde. Die Einheit ordnete also den Wert, während die konkrete Zahlung eine andere Form annehmen konnte. [6]
Damit war eine wichtige Schwelle überschritten. Solange jedes Gut nur gegen jedes andere Gut bewertet wird, entstehen unzählige einzelne Austauschverhältnisse. Eine gemeinsame Recheneinheit reduziert sie auf ein überschaubares System. Sie macht einen Vertrag möglich, dessen Leistung heute und dessen Erfüllung Monate später liegt, weil beide Seiten wissen, welcher Wert geschuldet bleibt. Geld beginnt in diesem Sinn als Maß und als Buchführung einer Beziehung, bevor es als handlicher Gegenstand zwischen Unbekannten umläuft.
Wie aus einer Schuld ein allgemein angenommenes Zahlungsmittel wird
Wenn ein Fischer einem Bauern nach einer Lieferung verspricht, später einen Teil seines Fangs abzugeben, besteht eine Forderung zwischen genau zwei Menschen. Für den Bauern wird dieses Versprechen erst dann zu einem Zahlungsmittel, wenn er es an einen Dritten weitergeben kann, der darauf vertraut, es ebenfalls einzulösen oder erneut weiterzugeben. An diesem Beispiel lässt sich verstehen, wie Forderungsgeld funktioniert: Ein Anspruch wird so verlässlich und übertragbar, dass ihn auch Menschen außerhalb der ursprünglichen Geschäftsbeziehung annehmen.
Damit das funktioniert, müssen mehrere Bedingungen zusammenkommen. Der Wert muss verständlich sein, die Echtheit der Aufzeichnung muss sich prüfen lassen, die ausgebende Stelle muss als zahlungsfähig gelten, und es braucht eine Regel dafür, wann die Verpflichtung endgültig erfüllt ist. Ein privater Zettel über zehn Säcke Gerste bleibt wertlos, wenn niemand den Aussteller kennt. Ein Anspruch gegen einen zuverlässigen Tempel, einen großen Händler, eine Bank oder einen Staat kann dagegen von vielen angenommen werden, weil die Wahrscheinlichkeit der späteren Einlösung größer ist.
Übertragbarkeit erspart außerdem, dass jede Kette von Leistungen einzeln zurückverfolgt werden muss. Wenn A bei B verschuldet ist, B bei C und C wiederum bei A, können die Forderungen gegeneinander aufgerechnet werden, ohne dass drei vollständige Lieferungen stattfinden. Historische Händler taten genau das, moderne Banken verrechnen heute Millionen Zahlungen untereinander. Die Bank of England beschreibt modernes Geld deshalb als eine besondere Form von Zahlungsversprechen, der allgemein vertraut wird. Diese heutige Beschreibung lässt sich nicht unverändert auf jede frühe Gesellschaft übertragen, sie macht aber den entscheidenden Mechanismus verständlich: Akzeptanz verwandelt einen einzelnen Anspruch in ein Zahlungsmittel. [7]
Warum Tempel, Herrscher, Märkte und Steuern dazugehören
Eine allgemein verwendete Einheit entsteht selten dadurch, dass sich alle Beteiligten gleichzeitig und ausdrücklich auf sie einigen. In frühen Städten verwalteten Tempel und Paläste Land, Vorräte, Arbeitsleistungen und Abgaben. Sie konnten Maße festlegen, Rationen ausgeben, Zahlungen verlangen und Rechtsansprüche dokumentieren. Wer einer solchen Stelle etwas schuldete, hatte einen starken Grund, genau die Einheit oder das Gut zu beschaffen, das dort zur Erfüllung angenommen wurde. Offizielle Gewichte, wie sie aus Mesopotamien bekannt sind, verringerten zusätzlich den Streit darüber, welche Metallmenge tatsächlich vorlag. [8]
Aus diesem Zusammenhang stammt die staatliche oder chartalistische Erklärung des Geldes. Sie betont, dass eine Autorität Verpflichtungen in einer Einheit festlegt und Nachfrage nach dieser Einheit erzeugt, indem sie Abgaben, Gebühren oder Strafen darin akzeptiert. Diese Sicht erklärt überzeugend, weshalb ein staatlich anerkanntes Zeichen auch dann angenommen werden kann, wenn sein Material kaum eigenen Wert besitzt. Sie zeigt außerdem, dass Geld mit Macht verbunden ist, denn wer die Einheit bestimmt, beeinflusst, wie Schulden gemessen und welche Leistungen eingefordert werden. [9]
Damit ist jedoch nicht bewiesen, dass jeder Geldgebrauch von einem Staat geschaffen wurde. Fernhändler brauchten verlässliche Wertmaße auch außerhalb einer einzelnen Herrschaft, Gemeinschaften verwendeten lokale Güter als Zahlungsmittel, und akzeptierte Maße konnten sich durch wiederholte Nutzung verbreiten. Märkte, Kreditbeziehungen und politische Institutionen wirkten aufeinander ein. Eine zentrale Stelle konnte eine Einheit festigen, während der Handel darüber entschied, wie nützlich und weit verbreitet sie außerhalb dieser Stelle wurde.
Die Suche nach nur einer Ursache führt deshalb erneut zu einer zu glatten Geschichte. Geld entstand weder ausschließlich aus freiem Tausch noch ausschließlich durch einen Befehl des Staates. Belegt sind mehrere Bausteine: Verpflichtungen mussten gemessen, Informationen gespeichert, Werte vereinheitlicht, Ansprüche übertragen und Zahlungen als endgültig anerkannt werden. Je größer eine Gesellschaft wurde, desto eher bündelten sich diese Aufgaben in einer Geldordnung.
Münzen lösten ein praktisches Problem, sie waren nicht der Ursprung
Jahrtausende nach den ersten Aufzeichnungen und lange nach der Verwendung von Silber als Wertmaß entstanden gegen Ende des siebten Jahrhunderts v. Chr. in Lydien und Ionien die ersten bekannten Münzen. Vorher wurde Metall gewogen und auf seine Qualität geprüft. Eine Prägung verband ein genormtes Stück mit dem Zeichen einer ausgebenden Autorität, sodass Gewicht und Herkunft im Alltag schneller erkannt werden konnten. Dadurch eignete sich Metall besser für Zahlungen zwischen Menschen, die einander nicht persönlich kannten.
Die Münze brachte damit eine wichtige Verbesserung, aber keinen völlig neuen Gedanken. Preise, Schulden, Abgaben und Wertmaße waren bereits vorhanden. Der Archäologe Elon Heymans beschreibt für die östliche Mittelmeerwelt, dass Geld schon Jahrhunderte vor der Münzprägung entstand und sich verbreitete. Geprägtes Metall war eine besonders handliche Technik innerhalb einer älteren Geldordnung, vergleichbar mit einer späteren Banknote oder einer heutigen digitalen Buchung, die den vorhandenen Anspruch in einer anderen Form überträgt. [10]
Münzen passten zugleich gut zu Staaten, Städten und Armeen. Sie konnten in großen Mengen ausgegeben, zur Bezahlung von Soldaten verwendet und für Abgaben wieder eingezogen werden. Die Forschung diskutiert weiterhin, welche Rolle Handel, staatliche Ausgaben, religiöse Zahlungen, Steuern und militärischer Bedarf bei der frühen Verbreitung spielten. Auch hier ist eine einzige Ursache nicht gesichert. Sicher ist der zeitliche Abstand: Wer die Geschichte des Geldes bei der Münze beginnen lässt, überspringt mehrere Jahrtausende, in denen Menschen bereits rechneten, bewerteten, schuldeten und zahlten. [11]
Wie aus Goldschmiedquittungen Banknoten wurden
Im England des 16. und vor allem des 17. Jahrhunderts verwahrten Londoner Goldschmiede Gold- und Silbermünzen für ihre Kunden, weil ihre Geschäftsräume und Tresore dafür besser geeignet waren als ein gewöhnlicher Haushalt. Für das hinterlegte Metall stellten sie Quittungen aus. Daraus entwickelte sich bei den sogenannten Goldschmied-Bankiers das „running cash“: ein Guthaben, über das der Kunde verfügen konnte, während der Goldschmied mit einem Teil der Einlagen Kredite vergab. [13]
Der entscheidende Schritt bestand darin, dass eine solche Quittung nicht immer erst beim Goldschmied eingelöst werden musste. War sie an den Inhaber zahlbar und vertraute der Empfänger dem Aussteller, konnte der Schein unmittelbar weitergegeben werden. Wer eine Ware verkaufte, nahm dann anstelle der schweren Münzen einen Anspruch auf Münzen entgegen. Aus dem Nachweis über eine Einlage wurde ein übertragbares Zahlungsversprechen, und genau damit wiederholte sich in einer neuen Form der ältere Grundgedanke des Geldes: Nicht das Papier besaß den Wert, sondern die anerkannte Forderung, die darauf festgehalten war.
Im weiteren Verlauf gingen die Goldschmiede über reine Verwahrung hinaus. Weil erfahrungsgemäß nicht alle Kunden ihr Metall gleichzeitig zurückforderten, konnten sie einen Teil der Einlagen verleihen und dafür eigene, auf Verlangen einlösbare Schuldscheine ausgeben. So entstanden zusätzliche Forderungen, die im Zahlungsverkehr umlaufen konnten. Die Bank of England beschreibt diese Entwicklung ausdrücklich als Vorläufer ihrer Banknoten; nach ihrer Gründung im Jahr 1694 gab auch sie zunächst Einlagenquittungen aus. Ein erhaltener „running cash note“ von 1697 verspricht dem Inhaber die Auszahlung von 22 Pfund und zeigt, wie unmittelbar die heutige Form der Banknote aus einem solchen Anspruch hervorging. [14]
Später wurde diese Entwicklung häufig zu einer Geschichte über einen einzelnen erfinderischen oder betrügerischen Juwelier verdichtet, der eines Tages mehr Scheine als vorhandenes Gold ausgab und dadurch das Geld erfand. Die Quellen zeigen stattdessen einen längeren Wandel über mehrere Goldschmied-Bankiers, Einlagen, Kredite, übertragbare Quittungen und Zahlungsversprechen. Dieser Schritt war für das moderne Bankwesen wichtig, setzte aber sehr spät ein: Menschen rechneten, zahlten und übertrugen Forderungen bereits Jahrtausende zuvor, und Papiergeld war in China schon lange vor den Londoner Goldschmieden bekannt. [15] Die Goldschmiede schufen daher nicht das Geld an sich; sie halfen dabei, aus Metallgeld ein leichter übertragbares Forderungsgeld und daraus die englische Banknote zu entwickeln.
Warum derselbe Grundgedanke bis heute erhalten blieb
Auf einem Girokonto liegen keine bestimmten Scheine, die von der Bank für den Kontoinhaber in einem Fach aufbewahrt werden. Das Guthaben ist eine Forderung gegen die Bank, festgehalten in ihrer Buchführung. Wird mit Karte bezahlt, sendet die Karte lediglich die Anweisung, Guthaben zu übertragen. Die beteiligten Banken verrechnen ihre Verpflichtungen anschließend über Konten und Reserven. Das Material ist fast vollständig verschwunden, während die alte Struktur deutlich erkennbar bleibt: Einheit, Anspruch, Aufzeichnung, Übertragung und endgültige Erfüllung.
Bankguthaben werden angenommen, weil sie in derselben staatlichen Recheneinheit geführt werden, in Bargeld umwandelbar sind, zur Begleichung von Rechnungen und Steuern dienen und durch Recht, Bankenaufsicht, Einlagenschutz sowie das Zahlungssystem gestützt werden. Eine einzelne private Forderung besitzt diese breite Verwendbarkeit normalerweise nicht. Die Bank of England bezeichnet Geld daher als besonderes Zahlungsversprechen, dem so weit vertraut wird, dass andere es im Austausch für Waren und Leistungen annehmen. Der Internationale Währungsfonds zählt neben Zahlungsmittel, Recheneinheit und Wertaufbewahrung ausdrücklich auch den Maßstab für spätere Zahlungen zu seinen Grundfunktionen. [7] [12]
Das erklärt auch, weshalb Geld wertlos werden kann, obwohl das technische System weiterläuft. Wenn niemand mehr darauf vertraut, dass die Einheit morgen noch angenommen wird oder eine hinreichend berechenbare Kaufkraft besitzt, weichen Menschen auf andere Währungen, Güter oder direkte Absprachen aus. Vertrauen bedeutet dabei keine blinde Hoffnung. Es beruht auf der Erfahrung, dass Forderungen durchsetzbar sind, Zahlungen funktionieren, Preise verständlich bleiben und die Institutionen hinter der Einheit ihre Regeln einhalten.
Geld ist deshalb weder bloß eine Sache noch eine Zahl aus dem Nichts. Hinter einem Kontoguthaben stehen Bilanzen, Verträge und die Verpflichtung einer Bank; hinter der gemeinsamen Einheit stehen Gesetze und öffentliche Institutionen; hinter ihrer Kaufkraft stehen verfügbare Waren, Leistungen und die Bereitschaft anderer, das Geld zu akzeptieren. Das Zahlungsmittel vereinfacht diese Beziehungen, es ersetzt die wirtschaftliche Leistung jedoch nicht.
Was die frühen Spuren erkennen lassen
Gut belegt ist, dass Zählen und wirtschaftliche Aufzeichnung im Vorderen Orient Jahrtausende älter sind als Münzen. Ebenfalls belegt sind mesopotamische Konten über Vorräte, Rationen, Arbeitsleistungen und Abgaben sowie die Verwendung von Gerste und Silber als gemeinsame Wertmaßstäbe. Historische Beispiele zeigen außerdem, dass eine Recheneinheit bestehen kann, obwohl mit einem anderen Gut bezahlt wird. Geld muss daher weder als geprägtes Stück auftreten noch bei jeder Zahlung körperlich den Besitzer wechseln.
Weniger sicher ist, welcher dieser Bausteine zuerst als Geld bezeichnet werden sollte. Wer Geld über das allgemein angenommene Zahlungsmittel definiert, setzt den Anfang später an als jemand, der bereits eine gemeinsame Recheneinheit und übertragbare Schuld als Geld versteht. Ebenso bleibt umstritten, ob Marktverkehr, Kreditbeziehungen oder politische Autorität den wichtigsten Anstoß gaben. Die Quellen stammen aus verschiedenen Zeiten und Regionen; keine einzelne Gesellschaft kann stellvertretend für die gesamte Menschheitsgeschichte stehen.
Die Funde lassen daher mehrere Entwicklungen erkennen: Mengen wurden aufgezeichnet, unterschiedliche Leistungen erhielten gemeinsame Wertmaßstäbe, und anerkannte Ansprüche konnten weitergegeben werden. Münzen und später Banknoten machten Zahlungen auf andere Weise handhabbar. Wie diese Entwicklungen zusammenhingen, muss für die jeweilige Zeit und Region untersucht werden.
Quellen und weiterführende Informationen
- Caroline Humphrey: Barter and Economic Disintegration, Man 20/1, 1985. Ethnologische Untersuchung zu Tausch und zur nicht belegten Vorstellung einer allgemeinen reinen Tauschwirtschaft als Vorstufe des Geldes.
- Denise Schmandt-Besserat: The Evolution of Writing. Archäologische Rekonstruktion der Entwicklung von Tonmarken über Güterbuchführung zu früher Schrift.
- Metropolitan Museum of Art: Administrative account concerning the distribution of barley and emmer. Frühe Tontafel zur wahrscheinlichen Erfassung von Getreidelieferungen und -verteilungen.
- Library of Congress: Balanced account, Cuneiform tablet no. 32. Sumerische Abrechnung eingegangener Gerste und mehrerer Ausgaben, 2200 bis 1900 v. Chr.
- Robert K. Englund: Equivalency Values and the Command Economy of the Ur III Period in Mesopotamia. Fachstudie zu Wertgleichungen zwischen Silber, Gerste, Gütern und Arbeit.
- A. Leo Oppenheim: Ancient Mesopotamia. Silber als Wertmaß und Zahlungsmittel sowie Hinweise, dass in Silber genannte Preise nicht immer durch eine tatsächliche Silberübergabe erfüllt wurden.
- Bank of England: Money in the modern economy – an introduction. Geld als allgemein angenommenes Zahlungsversprechen, Bankguthaben und Verrechnung von Forderungen.
- British Museum: Room 68 Money – The beginnings of money. Frühe mesopotamische Wertaufzeichnungen, offizielle Gewichte und das Verhältnis von Recheneinheit und Zahlungsform.
- L. Randall Wray: Money and Taxes – The Chartalist Approach. Darstellung der Theorie, nach der öffentliche Verpflichtungen und Steuern die Annahme einer Geldeinheit stützen.
- Elon D. Heymans: The Origins of Money in the Iron Age Mediterranean World. Archäologische Untersuchung zur Entstehung und Verbreitung von Geld vor der Münzprägung.
- Cambridge University Press: Auszug aus The Origins of Money in the Iron Age Mediterranean World. Frühe Geldverwendung bei Abgaben, Strafen und religiösen Leistungen sowie ihr Verhältnis zu staatlichen Institutionen.
- Internationaler Währungsfonds: Monetary and Financial Statistics Manual, Kapitel 6. Zahlungsmittel, Wertaufbewahrung, Recheneinheit und Maßstab für spätere Zahlungen als Grundfunktionen des Geldes.
- Bank of England: The Bank of England note – a short history. Londoner Goldschmied-Bankiers, „running cash“, übertragbare Zahlungsversprechen und ihre Bedeutung als Vorläufer der englischen Banknote.
- Bank of England Museum: Our earliest Bank of England note. Ein erhaltener „running cash note“ von 1697 und der Übergang von Einlagenquittungen zu Banknoten.
- Bank of England: How has money changed over time?. Frühere Entwicklung von Papiergeld in China sowie Goldschmiedquittungen und „running cash notes“ in Europa.
